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S.W.A.M. 16.07.2012 19:36

Philip K. Dick = Gott
 
Ich hätt's fast "Philip K. Dick - Eine unfassbar coole Sau" genannt, aber das hätte wohl als wertend verstanden werden können, daher der neutralere Titel. Falls also unter Euch jemand sein sollte, der PKD so richtig doof findet, darf er/sie das hier natürlich auch gerne posten...

Soviel zum metathreadologischen Element!

Einst in grauer Vorzeit wurde dem SWAM von seinem damals (und auch rückblickend immer noch) sehr geschätzten Philosophiedozenten ein kleines unscheinbares Buch namens "Ubik" empfohlen, geschrieben von einem Herrn mit äußerst dämlich klingendem Nachnamen. SWAM schob das erstmal beiseite, hörte und las (drauf aufmerksam gemacht) den Namen im Folgenden aber immer wieder an den unmöglichsten Orten (zum Beispiel Filmvorspännen).
Deswegen habe ich mir irgendwann mal "Ubik" vorgenommen und war völlig geplättet. Ich habe es direkt nochmal gelesen und war umso geplätteter. Ein paar Jahre später habe ich es, weil halt grad nix anderes Neues im Regal stand, mir nochmal zur Brust genommen und war erstaunt, dass ich offenbar alles vergessen hatte und jeder Twist überraschte mich auf's Neue.

Seitdem bin ich süchtig und nehme deswegen in unregelmäßigen Abständen an Gruppentherapiesitzungen teil. Und weil sich andernorts in diesem Forum gerade die Gemüter wegen doofer Nazis erhitzen, wollte ich einfach von was Anderem sprechen.

Ich nehme einfach ein paar Bücher von PKD, die mir spontan einfallen und schreibe was dazu, um mich vom Arbeiten abzuhalten.

UBIK: Steht am Anfang, weil es halt mein erstes war. Ich habe es mittlerweile bestimmt sieben oder acht Mal gelesen und bin jedes Mal wieder geflasht gewesen. Ubik steht für mich an der absoluten Spitze der Suchtliste. Es zeigt sehr schön, wie PKD in seinen besten Stücken vorgeht und es ist ein Segen, dass der noch nie verfilmt wurde... denn das geht nicht.
Ubik spielt in einer Welt, die den Tod fast völlig besiegt hat. Die Menschen sterben zwar noch wie eh und je, aber sie können noch sehr lange Zeit in Tiefkühlpackungen aufbewahrt werden, zu denen es eine Art Kommunikationssystem gibt. Die Verwandten, Freunde und Bekannten können sich also noch mit ihnen unterhalten, sich austauschen, Ratschläge einholen oder einfach ein bisschen plaudern ("Wo hast du dein Testament versteckt?", "Die Firma geht pleite, was soll ich tun?", "Ja, die Hanni geht mittlerweile zur Schule und sie macht sich recht gut.")
In eben dieser Welt herrscht eine Art kalter Krieg zwischen Telepathen und sogenannten Antitelepathen. Letztere sind in der Lage, die Kräfte der ersteren durch pure Anwesenheit zu unterdrücken. Gedankenleser, die z.B. eingesetzt werden können, um die Lügen eines Gerichtszeugen aufzudecken, werden durch einen Antigedankenleser in Schach gehalten. Sogenannte (bei PKD sehr beliebte) Präkogs, die in die Zukunft schauen und einem Konzern oder einem General das richtige Vorgehen empfehlen können, werden durch Anti-Präkogs ausgeschaltet usw. Es gibt also Firmen, die sich sozusagen auf Psi-Talente spezialisiert haben und sie quasi als Dienstleistung vermieten.
Und natürlich gibt es eine gute Firma und eine schlechte Firma.
Wie so oft bei PKD klingt das beim bloßen Nacherzählen unfassbar kompliziert und bescheuert. Und es ist ein Segen, dass Herr Dick so herrlich unkompliziert schreiben kann. Er führt den Leser / die Leserin mit Samthandschuhen in diese verworrene Welt hinein und das macht er mit einer derart kontinuierlich durchgehalten, trockenen Pulp-Prosa (vergleichbar mit etwa Raymond Chandler), dass man nie das Gefühl hat, unangebracht überfordert zu werden...
Und dann lässt er die erste Bombe platzen. Und wenn man sich von dieser geradeso erholt zu haben glaubt, gehen an einer anderen Ecke zwei neue hoch.
Und er schafft es, einem die Peripetien so lange und konsequent um die Ohren zu hauen, dass man fast keines seiner Bücher am Ende weglegen kann, ohne nicht zumindest das kleine Gefühl zu haben, dass auch im eigenen Leben nicht von einem auf den anderen Moment als Lug und Betrug oder als fehlgeleitete Wahrnehmung herausstellen kann. Man kann über UBIK nicht viel schreiben, ohne auf das Übelste zu spoilern. Aber verraten kann ich, dass jedesmal, wenn man glaubt, man wüsste, was Sache ist, man so dermaßen auf den Kopf gestellt und durchgeschüttelt wird, dass einem auf wohlige Art und Weise permanent schwindlig ist...

Die drei Stigmata des Palmer Eldritch An zweiter Stelle, weil es mich sogar noch mehr von den Füßen der alltäglichen, naiven Weltgläubigkeit gerissen hat als Ubik, aber eben erst später gelesen wurde. Ist leider vergriffen, man bekommt es aber noch gebraucht.
"Palmer Eldritch" ist auf den ersten Blick eine Drogengeschichte, bei der es um Halluzinationen, verfeindete Drogenlieferanten und nebenbei um die Besiedlung von Mars, Venus, Ganymed und was weiß ich noch geht. Auch hier geht es gemächlich los und die Paranoia-Schraube wird deutlich langsamer angezogen als bei Ubik,... dafür aber einige hundert Umdrehungen weiter!
Die Erde hat sich dank der Klimaerwärmung in einen recht ungemütlichen Planeten verwandelt, auf dem das Leben zwar wie gewohnt weiter geht, aber man tagsüber nicht auf die Straße gehen kann, ohne einen tragbaren Kühlschrank auf dem Rücken mit sich zu schleppen. Die UN sind zu einem globalen, quasi-faschistoiden und militanten Apparat geworden, die wahllos die BürgerInnen der Erde zu Kolonisierungsarbeiten auf noch unwirtlicheren Planeten abkommandiert. Diese Kolonialisten, die sozusagen mit einem kleinen Metallbunker, einem Spaten und ein paar Samen auf dem Mars oder anderswo abgesetzt werden und gefälligst sofort eine neue Zivilisation starten müssen, vertreiben sich die Trübseligkeit ihres Alltags mit einer extrem modischen halluzinogenen Droge namens Can-D. Diese funktioniert auf sehr interessante Weise, denn der Benutzer kann sich in der normalen Welt eine Art Puppenwelt zusammenbasteln (deren Bauteile wie Miniaturgaragenöffner, Miniaturauto etc. natürlich von derselben Firma geliefert werden wie die Droge selbst), in die er dann unter Einfluss der Droge einsteigen kann. Die Kolonialisten bauen sich also ihre eigene kleine Trumanshow, die unter Einfluss der Droge für sie absolut real wird. Das Geschäft der Firma, die die Droge vertreibt (und das sind NICHT die Bösen) wird jedoch gestört von Palmer Eldritch, einem geheimnisvollen Menschen, der ein Jahrzehnt zuvor in fremde Sternensysteme vorgedrungen und nun zurück gekehrt ist. Und mit sich hat er eine neue Droge, die alles bis dahin in den Schatten stellen soll... Wie bei Ubik kommt man auch bei "Palmer Eldritch" an einen Punkt, an dem man aufhören muss, zu erzählen. Alles Weitere ist Paranoia-Erfahrung pur! Geiles Buch, fetter Trip, coole Geschichte. Da gibt's weiter nix zu sagen.

Und da ich jetzt dann doch endlich mal mit dem Arbeiten anfangen muss, mache ich mal eine Zwischenbremsung und lege beizeiten irgendwann mal wieder was nach. Wenn aber jemand anders zwischendurch ein Buch belobigen, empfehlen oder vernichten möchte, sei er oder sie herzlich eingeladen! :)

Agent K 16.07.2012 20:18

AW: Philip K. Dick = Gott
 
Den Ubik will ich mir dann doch glatt mal ins Einkaufswägelchen klicken... den hab ich noch nie auf dem Radar gehabt, und die elektrischen Schafe kennt ja jede Sau...

Gibt es da eine besondere Empfehlung/Warnung für die Englische Version oder ist Deutsch okay?

scholley007 16.07.2012 20:48

AW: Philip K. Dick = Gott
 
Same here.
Den auf Messers Schneide Laufend(e) von elektrischen vierbeinigen MÄH-Maschinen Träumenden hab ich einst (zu Zeiten von Harrisons Kinoausflug mit selbigen Bildern im Kopf) mal versucht zu lesen - und keinen Zugang zu gefunden.

Versuch icks mal mit dem hier..... Thanx!

S.W.A.M. 16.07.2012 21:04

AW: Philip K. Dick = Gott
 
Muss gestehen, dass ich die Werke nie auf Englisch gelesen habe. Aber - so mancher mag mich jetzt zanken - die Wirkung, die die Bücher auf einen haben (und die haben sie nicht auf jeden, sei als Warnung hinzugefügt; ich selbst fand die elektrischen Schafe aber auch nie so richtig gut im Vergleich zum Rest, da funkt nur ab und zu mal was durch), funktioniert wahrscheinlich am besten, wenn der Gehirnfleischwolf einem ganz gemütlich in der jeweils eigenen Muttersprache über den Schädel gehauen wird.

Drum greife man ruhig zum deutschen Exemplar.

S.W.A.M. 16.07.2012 21:16

AW: Philip K. Dick = Gott
 
Ändern vorbei...

Und damit ich mein Arbeiten gleich nochmal unterbrechen kann, füge ich mal noch was hinzu:

Der dunkle Schirm (hier funzt der zurecht merkwürdige englische Titel A scanner darkly allerdings besser): Im Großen und Ganzen mal was völlig anderes vom Meister. Keine Präkogs, die das Raumzeitgefüge durcheinander bringen, fast keine Matrix-Trumanshow-Scheinwelten, sondern ein wirklich dunkler, hyperrealistischer Drogensumpfroman, der nur slightly in der Zukunft angesiedelt ist. Hier steckt sozusagen die ganze biographische Quintessenz von Dicks Paranoia-Phantasien durch: sein ganz persönlicher Horrortrip in die übelsten Tiefen der Drogensucht. Wer den halbanimierten Film von Richard Linklater kennt, kennt auch die Story. "A scanner darkly" ist die einzige Dick-Verfilmung, die ich kenne, die sich tatsächlich an der Vorlage orientiert.
Und obwohl das Buch erschreckend gut geschrieben ist, trifft der Nicht-Junkie mit dem Film wahrscheinlich die bessere Wahl. Was sich hinter dem verspielt wirkenden Jonglieren mit dystopischen Gruselbildern, dem paranoiden Wandel zwischen den Realitäten, den metaphysischen Trips und philosophischen Farcen von Dick tatsächlich als Ursache zeigt, ist eigentlich zu deprimierend. Fesselnd, spannend und erbarmungslos realistisch zeigt Dick hier mal die dreckigen Kehrseiten der Trainspotter und Fear-and-Loather im Gewand einer leicht dystopischen Paranoia-Geschichte über einen Drogenfahnder und seinen Gegenspieler, der vielleicht sogar er selbst ist...

Celdur 16.07.2012 21:34

AW: Philip K. Dick = Gott
 
Ich bin neugierig, fange in 2 Wochen an, UBIK zu lesen und werde dann dem Chor hier beitreten.

° logging in as oswaldo ° 17.07.2012 16:10

AW: Philip K. Dick = Gott
 
Mit UBIK bin ich seit geraumer Zeit beschäftigt, blick aber noch nicht gänzlich durch. SHEEP hatte ich seinerzeit in englischer Sprache gelesen und trenne Film und Buch seitdem strikt voneinander.
Und als ich letztens mit meinem Alten seine Buchsammlung im Keller durchgeförstert habe, fiel mir doch glatt THE MAN IN THE HIGH CASTLE in den Schoß. (Yeah, mein Däd is cool.)

Bin mit Dick also noch lang nich durch. ;)

° logging in as oswaldo ° 21.07.2012 16:13

AW: Philip K. Dick = Gott
 
Wenn ich mir jetzt LSD-ASTRONAUTEN besorge, dann bekomm ich doch, bis auf den Titel, genau dasselbe wie PALMER ELDRITCH, oder gibts da noch mehr unterschiede?

S.W.A.M. 21.08.2012 16:50

AW: Philip K. Dick = Gott
 
Zitat:

Zitat von ° logging in as oswaldo ° (Beitrag 350570)
Wenn ich mir jetzt LSD-ASTRONAUTEN besorge, dann bekomm ich doch, bis auf den Titel, genau dasselbe wie PALMER ELDRITCH, oder gibts da noch mehr unterschiede?

Is richtig. Ist halt eine ältere Ausgabe aus den glorreichen Zeiten, als Suhrkamp noch die Meister der Science Fiction vertrat (auch Stanislaw Lem zum Beispiel) statt wie jetzt Heyne. Ist aber das gleiche Buch nur unter einem bescheuerteren Titel.

S.W.A.M. 08.09.2012 19:53

AW: Philip K. Dick = Gott
 
So, nächstes:

Eine andere Welt (zu Originaldeutsch: "Flow my tears the policeman said"): Is schon ein bisschen her gewesen, deswegen musste ich nochmal ran.
Jason Taverner ist ein reicher, verwöhnter, genetisch gepimpter Drecksack. Außerdem ist er ein weltberühmter Showmaster, Sänger und Frauenheld. Vor allem ein Frauenheld. Die Mädels und Frauen jedweden Alters liegen ihm zu Füßen, denn er ist charismatisch, gut aussehend, intelligent und - um es nochmal zu betonen - stinkreich.
Doch eine seiner Verflossenen rächt sich an ihm, weil er sie einmal zu oft mies behandelt hat. Die Rache kommt in Form eines schleimigen Lebewesens, das sich in seine Brust bohrt. Überlebenswahrscheinlichkeit gering.

Doch für einen Moment scheint es so, als hätte die schnelle Hilfe von Jasons Hauptfreundin (so muss man das wohl sagen) ihre Wirkung getan. Jason erwacht wieder nach einem komplizierten chirurgischen Eingriff und fühlt sich gesund und munter.
Das einzige Problem ist: er erwacht an einem Ort, den er noch nie gesehen hat. Seine Ausweiskarten sind weg und zu allem Übel kann sich kein Mensch daran erinnern, dass er jemals existiert hat. Gestern noch eine Weltberühmtheit, heute ein Mann, den es nicht gibt.
Und das in einem totalitären Polizeistaat, in dem jeder, der ohne Ausweise erwischt wird, sich kurzerhand in üblen Zwangsarbeitslagern auf dem Mond oder sonstwo wiederfinden kann. Polizeikontrollen gibt es an fast jeder Straßenecke und das Auge des Gesetzes ist überall.

Die Geschichte eines Mannes, der alles hat und dann alles verliert und sich in einer Welt zurecht finden muss, die normalerweise nur die Ärmsten der Armen beherbergt. Klingt ein bisschen wie "The Game", ist es auch irgendwie. Und dann aber wieder doch nicht.

Schön geschrieben, interessante Figuren, nur hier und da ein bisschen schleppend, weil Jason Taverner auf seiner Reise durch die Nichtexistenz fast ausschießlich auf völlig psychotische Frauen trifft und mit ihnen mitunter etwas zu ausführliche Diskussionen führt. Aber die paranoide Atmosphäre stimmt und die Auflösung ist so unerwartet und durchgeknallt, wie man es sich von PKD nur wünschen kann... (und nein: er ist nicht eigentlich die ganze Zeit tot... oder vielleicht auch doch... ich weiß es nicht)

° logging in as oswaldo ° 16.09.2012 04:37

AW: Philip K. Dick = Gott
 
Hab vor zwei Tagen UBIK, das in der zweiten Hälfte ordentlich Fahrt aufnimmt, beendet und war positiv überrascht. Die deutsche Übersetzung ist wirklich gelungen.
PALMER ELDRITCH hab ich dann auf Amazon endlich zu einem bezahlbaren Preis entdeckt und sofort weggekauft. SOgar mit dem richtigen Titel. ;)

S.W.A.M. 21.09.2012 11:01

AW: Philip K. Dick = Gott
 
Zeit aus den Fugen (Original: "Time out of Joint") ist DER Roman von Philip K. Dick, der wohl tatsächlich die Inspiration für die meisten nicht-Dickschen-Paranoia-Thriller späterer Dekaden geliefert hat. Egal ob "The Game", "The 13th Floor" oder - vor allem - "The Truman Show". Die wichtigsten Elemente hat Dick mit diesem schönen kleinen haarsträubenden Büchlein geliefert, das man wohl ähnlich wie die "John Carter"-Bücher niemals verfilmen könnte, ohne dass es ungerechterweise heißt, der Film hätte nur geklaut. Denn ALLE haben sie von PKD geklaut.

Die Geschichte beginnt unfassbar harmlos als schönes kleines Sitten- und Gesellschaftsbild des Amerikas der Fünfziger Jahre. Die kleinen Nachbarschaftsstreitigkeiten und die Sorgen, dass die Russen womöglich die Wasserstoffbombe werfen, Petitionen gelangweilter Hausfrauen, kleine heiße Liebesaffären mit der gelangweilten und viel zu jungen Ehefrau von nebenan, eine dickliche Nachbarin, die gerne ihren politischen Beitrag leisten will, indem sie von Tür zu Tür geht und die Leute überreden will, dem Zivilschutz beizutreten. Das alles fühlt sich so fern und gleichzeitig heimisch an wie die harmonischsten Szenen im ersten "Zurück in die Zukunft" oder in "The man who wasn't there"... Aber PKD wäre nicht er selbst, wenn die Realität nicht an irgendeiner Stelle dünner werden würde.

"Das Unbekannte, das langsam durch die Risse in der Wand dringt..." heißt es an einer Stelle und es ist zugleich das Motto der meisten Dickschen Werke wie auch vor allem dieses Buches.
Es ist ein unglaublich schleichender Prozess, der mit kleinen Harmlosigkeiten wie einer fehlenden Treppenstufe oder einem Lichtschalter anfängt, der plötzlich anstelle einer Lichtschnur da ist. Aber das Grauen, dass die Realität, die einen umgibt, nicht real ist, und gleichzeitig die Ungreifbarkeit dieser paranoiden Überzeugung werden hier immer weiter und immer stärker aufgebaut. Eins kommt zum anderen und plötzlich ist nichts mehr das, was es einmal war.

Auch hier verbietet es sich aus Spoilergründen mal wieder, die einzelnen Elemente genauer zu beleuchten, die sich nach und nach der Psychose hinzugesellen, aber wer Spaß an paranoiden Symbolen hat, der sollte sich "Zeit aus den Fugen" nicht entgehen lassen.

S.W.A.M. 26.09.2012 20:46

AW: Philip K. Dick = Gott
 
Schizophrenie, Zeitschleifen, Autismus, politisches Ränkespiel, Drogenkonsum, Machtmissbrauch, Sex, Totalitarismus, präkognitive Fähigkeiten, hyperdominante Frauen und unfähige Psychiater. Das sind Dicks Lieblingsthemen.

In Marsianischer Zeitsturz oder Mozart für Marsianer (so der Titel der alten Suhrkamp-Ausgabe) kommen sie alle voll zur Geltung und sie sind - leider - für meinen Geschmack ein bisschen zu stark durchmischt.
Die Geschichte spielt - wie der Titel vage andeutet - auf dem Mars, der von den United Nations mit totalitärer Hand beherrscht wird.
Der Protagonist ist wie so oft ein einfacher aber enorm talentierter Arbeiter namens Jack Bohlen, der noch immer an leichten bis mittelschweren Schüben seiner geheilt geglaubten Schizophrenie leidet, wobei nie ganz klar wird (und so ist es offenbar beabsichtigt), ob seine Schübe einfache Hallzuniationen oder Zukunftsvisionen sind. Sein Mit- und zugleich Gegenspieler ist - auch hier wiedermal - ein Machtmensch, der in seiner Launenhaftigkeit, Verwirrtheit und gleichzeitig extremen Menschlichkeit wie Unmenschlichkeit der Dicksche Idealtypus des gefährlichen Machthabers ist: Arnie Kott ist der mächtigste Mann auf dem Mars. Er hat Geld, einen riesigen Konzern, sämtliche Gewerkschaften und alle Frauen auf seiner Seite.
Und da gibt es noch Manfred, den autistischen Sohn eines Schwarzmarkthändlers, dessen Weltfremdheit möglicherweise etwas mit einem verzerrten Zeitbewusstsein zu tun hat.

Sowohl Manfred als Jack Bohlen werden Teil eines Spiels des mächtigen Arnie Kott, der hofft, seine Macht noch weiter auszubauen, indem er die beiden zusammen bringt. Doch damit kommt ein Rad ins Rollen, das die gesamte Kolonie gefährdet.

Obwohl hier alle dickschen Gene zusammen arbeiten, schlagen sie etwas über die Stränge. Ich weiß nicht, ob es an meiner Übersetzung liegt (ich habe die Suhrkamp-Ausgabe) oder am Buch selber. Die Verwirrung, die hier einsetzt, erzeugte bei mir nicht das übliche paranoide Schwindelgefühl, sondern ganz einfach nur Verwirrtheit.
Wenn jemand anders drüber denkt, dann schreibe er/sie es bitte und belehre mich eines Besseren. Ich halte das Ganze für einen Ausrutscher...

Celdur 01.10.2012 13:33

AW: Philip K. Dick = Gott
 
Um den Prediger ein wenig zu beruhigen:
Hab Ubik vor kurzem begonnen, bin bei etwa 8 % und habe bisher großen Spaß.

S.W.A.M. 20.10.2012 13:36

AW: Philip K. Dick = Gott
 
Zitat:

Zitat von Celdur (Beitrag 356090)
Um den Prediger ein wenig zu beruhigen:
Hab Ubik vor kurzem begonnen, bin bei etwa 8 % und habe bisher großen Spaß.

Der Prediger schaut weiter wohlwollend auf dich, Jünger!

During the meanwhile:

Warte auf das letzte Jahr: Steht für mich weiterhin unter den ersten drei Plätzen von PKD und teilt sich diese mit den erhabenen Ubik und Drei Stigmata. Dick kombiniert auch hier wieder seine offensichtlichen Lieblingsthemen, aber anders als bei Marsianischer Zeitsturz entsteht hier kein dickflüssiges und schwer verdauliches Gebräu sondern ein lupenreiner und herrlich sarkastischer SciFi-Thriller, der mit jeder Seite an Fahrt aufnimmt.
Worum es geht? Wen interessiert das? Na gut:
Die Menschheit hat ein Problem. Voller Stolz und einem guten Brocken Arroganz ist sie in den Weltraum vorgedrungen und hat gleich zwei außerirdische Spezies entdeckt, die leider in einen seit Jahrtausenden währenden interstellaren Krieg verwickelt sind. Da sind einerseits die Sternmenschen, deren Ähnlichkeit mit uns wunderbar einfach und logisch erklärt wird, und andererseits sind da die District-9-artigen Riegs, die so hässlich sind, dass sie eigentlich nur die Bösen sein können. Oder doch nicht? Blöd wie sie ist, hat sich die Menschheit natürlich auf die falsche Seite gestellt.
Ihr eigenes diktatorisches Regime ist nun dabei, vom totalitären Regime der Sternmenschen unterwandert zu werden, die eigentlich unsere Freunde sein sollten.
Mitten in dieses Gewirr aus außerirdischen und einheimischen Geheimpolizeien und -diensten wird der kleine Transplantchirurg (einer von Dicks typischen handwerklich begabten, zynischen Helden unter der Knute von übermächtigen Bossen) Eric Sweetscent geworfen, als sein Boss ihn bittet, Hausarzt des Diktators der Menschheit zu werden.
Und er staunt nicht schlecht, als er feststellt, dass dieser gleich mehrmals existiert (todkrank und hypochondrisch, quicklebendig und tot...). Und vielleicht schwirren irgendwo noch mehr herum.
Doch PKD wäre nicht er selbst, wenn er ein solches Paradoxon einfach mittels Klonen erklären würde. Warte auf das letzte Jahr ist ein brilliantes Spiel, das gleich mit unendlich vielen Paralleluniversen, diversen Zeitebenen auf Erde, Mars und Mond und den üblichen Drogenhalluzinationen (die vielleicht gar keine Halluzinationen sind, natürlich) aufwartet, ein diabolisches interstellares Intrigenspiel und drei bis vier miteinander konkurrierende Femme Fatales bietet und den Leser/die Leserin nicht zuletzt mit der Entscheidung konfrontiert, dass man seine Sympathien entweder der einheimischen Diktatur oder dem außerirdischen Totalitarismus schenken muss.

Und das alles rauscht in einer leichtfüßigen Geschwindigkeit vor dem inneren Auge vorbei, dass man gar nicht merkt, wie komplex das eigentlich alles ist.

Große Empfehlung!


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