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Willkommen in der Geisterbahn (Vol. I)

Veröffentlicht: 04.09.2007 um 14:20 von Marlowe
Aktualisiert: 15.07.2008 um 10:35 von Marlowe
Zuerst im alten Movie-Blog veröffentlicht am 16.1.2006

Geister I
(Riget I, DK 1994, Regie: Lars von Trier/Morten Arnfred)



Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Der Satz stimmt nicht immer, hier trifft er voll und ganz zu. Werfen wir trotzdem einen Blick auf die Teile dieser irrwitzigen Mini-Serie und hoffen, dass es irgendwie gelingt, daraus eine halbwegs angemessene Würdigung des Ganzen zusammenzusetzen. Und vielleicht kommen wir sogar ein wenig der Frage näher: Womit, um Himmels Willen, haben wir es hier überhaupt zu tun? Mit einer Krankenhaus-Serie? Einem Drama? Einer Komödie? Einem Horrorfilm?

Beginnen wir mit den Figuren. Lars von Trier und seine Co-Autoren Tomas Gíslason und Niels Vørsel verstehen es glänzend, „ganz normale“ Charaktere zu entwerfen, bei ihren Eigenschaften jedoch diese entscheidende Schippe draufzulegen, die sie ins Bizarre steigert. Da hätten wir den schwedischen Oberarzt Dr. Helmer, zum Niederknien gut gespielt von Ernst Hugo Järegård. Ein Ekel sondergleichen, ein blasierter Geck von maßloser Arroganz. Sein Widersacher ist der Assistenzarzt Krogen (Søren Pillmark), eingeführt als jugendlicher Sympathieträger, doch Vorsicht: Dieses Bild wird sich ein wenig wandeln.
Wenn es so etwas wie eine Heldin in dieser Geschichte gibt, dann ist es wohl Frau Drusse (Kirsten Rolffes), ihres Zeichens Simulantin und Geisterjägerin. Immer an ihrer Seite: Ein wandelnder Ödipus-Komplex in Gestalt ihres drögen 50-jährigen Sohnes Bulder (Jens Okking), praktischerweise Pfleger im Königlichen Reichshospital, wo die Serie spielt.
Nicht unerwähnt bleiben darf Holger Juul Hansen, der als liebenswert vertrottelter Stationschef Moesgaard unerschütterlich fröhlich über den Dingen schwebt, und natürlich Udo Kier, der selbst mit seinen wenigen Sekunden in dieser ersten Staffel seinen Ruf als genialer Film-Bösewicht unterstreicht. Einer meiner Favoriten ist außerdem der Pathologe Prof. Bondo (Baard Owe).
Last but not least die beiden am Down-Syndrom Erkrankten (ist das so politisch korrekt formuliert?), die, völlig aus der Handlung gelöst, in der Spülküche stehen und das Geschehen allwissend im Stil eines griechischen Chors kommentieren...

Schon an der Fülle der Figuren wird klar: Die über vier Stunden von „Geister I“ sind voll gepackt. Wenn man die Exposition hinter sich gebracht hat, kommt keine Sekunde Langeweile auf.
Werfen wir also einen Blick auf die Handlungsstränge. Dr. Helmer sieht einem Kunstfehlerprozess entgegen. Krogen zieht seine ganz eigenen Fäden im Krankenhausbetrieb. Frau Drusse wandelt mit einem Pendel in der Hand durch die Gänge, wo der Geist eines kleinen Mädchens herumspukt. Moesgaard versucht mit der „Operation Morgenluft“ frischen Wind in den Betrieb zu bekommen. Und der Forscherdrang von Prof. Bondo treibt buchstäblich ungesunde Blüten.
Da steckt also eine ganze Menge drin. „Geister I“ bedient sich hemmungslos der dramaturgischen Kniffe der Krankenhaus-Soap à la „ER“, um sie zu karikieren und zu entlarven. Wo in einem normalen Serien-Hospital intrigiert und vielleicht ein wenig gemobbt wird, werden die menschlichen Beziehungen im „Königreich“ über Erpressung geregelt, und die manchmal krummen Pfade der Wissenschaft bestimmt ein absurder Ärzte-Geheimbund.
Wie sich die Spannungsbögen über die gesamte Serie strecken, wie sich alle Handlungsstränge am Ende zu einem unvergleichlich bizarren simultanen Höhepunkt verdichten, ohne dass es konstruiert wirkt, das ist allerhöchste Drehbuch-Kunst.

Mal ganz zu schweigen von den wunderbaren Dialogen. Wie da zum Beispiel so ganz nebenbei in einer skurrilen Beerdigungs-Szene mit Frau Drusse und Bulder die letzten Fragen gestreift werden:
Drusse: „Aus dem Staub bist du gekommen, und zu Staub sollst du wieder werden. Und aus dem Staub sollst du auferstehen.“
Bulder: „Mutter... Denkst du ehrlich, das nutzt was?“
Ja, „Geister I“ ist lustig. Sehr sogar. Nehmen wir Dr. Helmer. Der wird in seiner Blasiertheit so wunderbar vorgeführt, dass er immer für ein herzliches Lachen gut ist, doch das bleibt manchmal im Halse stecken – etwa, wenn er am Krankenbett eines hirngeschädigten Mädchens dessen verzweifelte Mutter abfertigt: „Ich hab in meinem Leben schon ein paar Schädel geöffnet. Der von Ihrem rotznasigen Gör war nun wahrlich nicht der erste.“

Denn der Spaß und der Schrecken gehen hier Hand in Hand. Was für amüsante Verwicklungen etwa ein abgetrennter Kopf auf Wanderschaft durch Spinds und Tiefkühltruhen auslösen kann, sollte man kaum für möglich halten. Das fügt sich herrlich zu einer Regie, die ein unglaubliches Gespür für bizarre Situationskomik offenbart – wenn sich etwa die Medizinstudentin, die kein Blut sehen kann, bei ihrer Nachtwache im Schlaflabor Splatter-Filme am laufenden Band anschaut.
Übrigens, splattern tut’s auch in „Geister I“ kräftig. Doch eben nicht durch Fantasiegestalten wie einen Kettensägen-Mörder, sondern ganz realistisch in Operationsszenen oder bei einer Geburt.

Die Spukgestalt in „Geister I“ ist hingegen alles andere als grausig. Dieses dürre, durchsichtige Mädchen mit seinem Totenglöckchen, das durchs Hospital geistert – vom ersten Moment an bemitleidet man es. Erst recht, wenn sich zuletzt seine todtraurige Geschichte in einer unfassbar intensiven Szene offenbart.

Klingt bizarr? Ist es auch. Und wirkt trotzdem unglaublich echt. Neben den allesamt überragenden Darstellern ist das vor allem der Regie zu verdanken. Lars von Trier experimentiert hier schon mal mit der Dogma-Ästhetik: Originalschauplätze und Handkamera, kaum Kunstlicht. Die Geister erstehen durch Doppelbelichtung, Traumsequenzen werden mit einfachster Blue-Screen-Technik illustriert.
Übrigens, um einem gängigen Missverständnis entgegenzuwirken: „Geister I“ ist dennoch kein Dogma-Film, er verstößt munter gegen die meisten Dogma-Gebote (die obendrein erst einige Zeit nach dem Dreh formuliert wurden).
Nebenbei bemerkt ist es hauptsächlich diese Echtheit und Authentizität, die im direkten Vergleich das US-Remake „Kingdom Hospital“ gnadenlos abstinken lässt. Dessen geschniegelte TV-Ästhetik und CGI-Trickserei wird dem Stoff schlicht nicht gerecht.

Fazit einer langen Würdigung: In „Geister I“ gibt es einfach alles. Spannung, Komik, Satire, Tragik, es spukt und es menschelt. Eine irre dramaturgische Achterbahn, die man gesehen haben muss, um es zu glauben – und auch dann noch nicht so ganz glauben kann, dass es so etwas tatsächlich gibt.

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