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Frau Drusse fährt zur Hölle

Veröffentlicht: 11.09.2007 um 13:52 von Marlowe
Aktualisiert: 15.07.2008 um 10:34 von Marlowe
Zuerst im alten Movie-Blog veröffentlicht am 21.1.2006

Geister II
(Riget II, DK 1997, Regie: Lars von Trier/Morten Arnfred)



Drei Jahre nach der genialen ersten Staffel entstanden, schließt die zweite in der Handlung direkt daran an. Alles gleich also – und doch alles anders.

Der drollige Moesgaard ist nach seiner Pleite mit der „Operation Morgenluft“ mit sich und der Welt am Ende und begibt sich in die Hände eines dubiosen Therapeuten. Helmer ist das gleiche Ekel wie zuvor, doch die Dinge entgleiten ihm mehr und mehr, was seinen Tiraden die Schärfe nimmt und ihn immer lächerlicher erscheinen lässt. Symbol dafür: Durfte er als Running Gag der ersten Staffel theatralisch auf dem Krankenhausdach die Fäuste gen Himmel recken und auf den „dänischen Abschaum“ fluchen, so tut er dies in der zweiten über eine Kloschüssel gebeugt.
Auch sonst greift sich der Wahnsinn fette Beute. Das Krankenhauspersonal ergötzt sich an mörderischen Wettspielen, Schlitzohr Krogen macht eine monströse Wandlung durch, Bondo steigt zum Idol seiner Studenten auf und wandelt messianisch durch die Gänge. Da erscheint die Geisterseherin Drusse im Vergleich fast wie die Vernunft in Person.
Und was für die erste Staffel die kleine Mary war, die so unglücklich durchs Krankenhaus spukte, ist für die zweite Lillebror (deutsch: Brüderchen, gespielt von Udo Kier), das eigenartige Kind der Ärztin Judith (Brigitte Raaberg). Seine Geschichte steht im Mittelpunkt dieser zweiten Staffel und ist der Handlungsstrang, der am Ende seinen Abschluss finden wird.

Ansonsten löst Lars von Trier die Handbremse. In gewisser Hinsicht ist deshalb die zweite Staffel etwas weniger gelungen als die erste. Denn in dieser wurde der Zirkus durch eine straffe, kunstvoll verwobene Dramaturgie zusammengehalten, die sich in der zweiten mehr und mehr auflöst. Sie tut dies zugunsten einer bizarren, pythonesken Comedy. In ihren wenigen schwächeren Momenten wirkt diese etwas bemüht, doch insgesamt wird der Irrwitz hier irre witzig. Was die Inszenierung des Absurden und Grotesken angeht, stellt die zweite Staffel die erste bei weitem in den Schatten. Ich würde sagen: In dieser Hinsicht ist sie unerreicht.

Auch der Konflikt zwischen Spiritualität und moderner Wissenschaft, den die Pre-Title-Sequenz schon in der ersten Staffel dramatisch suggeriert, rückt hier erst richtig in den Blick. Allerdings will „Geister II“ dankenswerterweise keine bierernste Auseinandersetzung mit diesem Thema. Vielmehr wird es in einer satirisch überzeichneten Manier präsentiert.

„Geister II“ lässt sich obendrein als eine tiefe Verbeugung vor David Lynch lesen, allerdings als eine mit ironischem Grinsen. Die Lillebror-Handlung wirkt wie ein Gegenentwurf zu „Eraserhead“, und der böse Geist, der die Ärzteschaft in Gestalt des Krankenhaus-Direktors heimsucht, heißt nicht zufällig Bob – das wird spätestens klar, wenn die Ärzteloge ihn in einer Séance beschwört.

Dem Erstseher muss übrigens eine Warnung mit auf den Weg gegeben werden. Die meisten Handlungsstränge finden am Ende keinen Abschluss. Und die letzten Minuten liefern noch ein paar Cliffhanger, die einen atemlos auf die nächste Folge warten lassen...
...nur: Es gibt keine. Die geplante dritte Staffel konnte nie gedreht werden. Die Welt verlor 1998 Ernst Hugo Järegård, 2000 verstarb Drusse-Darstellerin Kirsten Rolffes.

Doch das offene Ende sollte keinen von „Geister II“ abhalten. Der Genuss, den diese genialste Fernsehserie aller Zeiten bereitet, überwiegt die Enttäuschung am Ende bei weitem.

Zumal Gerüchte um eine dritte Staffel nie ganz verstummt sind und ihnen Udo Kier in seinem Bonus-Interview auf der letzten Disc neue Nahrung gibt. Ich kann mir zwar beim besten Willen nicht vorstellen, wie das ohne die beiden Hauptdarsteller gehen soll (und mit Nebendarstellern, die um zehn Jahre gealtert sind). Aber nach etwa neun Stunden "Geister" bin ich sicher: Lars von Trier kann zaubern. Wenn ein Regisseur das Unmögliche möglich machen kann, dann er. Es bleibt also Hoffnung.


Ein Wort noch zur DVD-Edition von Koch Media. Die deutsche Version wird durch viele kleine Schnipsel aus dem dänischen Original ergänzt, die nicht synchronisiert sind. In der OV wiederum kommen in der letzten Folge zwei, drei kleinere Sequenzen in deutscher Sprache, die in der skandinavischen Fassung fehlten. Vieles davon ist im Grunde unbedeutend, doch für einige zusätzliche Szenen – etwa Bondos Krankheitsvertretung in der ersten Staffel – ist man dankbar. Was die Macher zu diesem Vorgehen bewogen hat, ist unklar. Man könnte unterstellen (was ich an anderer Stelle bereits tat), dass es zugunsten des Prädikats „ungeschnitten“ geschah, das unter Horror-Fans wohl ein Kaufargument ist. Ich nehme diese Unterstellung offiziell zurück, es dürfte eher cineastisch motiviert sein, es geht sozusagen um die Urfassung des Ganzen. Für den OV-Seher fällt es ohnehin nicht weiter ins Gewicht, für den Synchro-Gucker kann es aber nervig sein. Der Schwarze Peter liegt allerdings nicht bei den ambitionierten DVD-Machern, sondern bei den TV-Anstalten, die ursprünglich zugunsten ihrer strengen Sendeschemen die Schere ansetzten. Ansonsten überzeugt die Edition durch hübsche Aufmachung im Pappschuber und durch gut gewählte, mitunter brüllkomische Special Features.

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