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6 Dinge, die ich über "50 Shades of Grey" zu sagen habe

Veröffentlicht: 09.02.2015 um 12:51 von Lex 217
Ich hab nach einem kreativen Titel gesucht, aber keiner war so ganz das Richtige

6 Dinge zu "50 Shades of Grey" - just my two cents

Kein Buch hat in den letzten Jahren so von sich reden gemacht, wie E.L. James’ „50 Shades of Grey“ und seine beiden Nachfolge-Bände. Weltweit verkaufte sich die erotische Geschichte von Anastasia Steele und Christian Grey über 70 Millionen Mal. Bei den Kritikern als völlig anspruchslos und schlecht geschrieben verschrieen, von der hauptsächlich weiblichen Leserschaft verschlungen ist „Shades of Grey“ eine Romanreihe, die polarisiert. Die Diskussionen, die seit ihrem Erscheinen entbrannt sind, scheinen zahl- und endlos. Am Valentinstag läuft nun die Verfilmung des ersten Bandes, „50 Shades of Grey“, in den internationalen Kinos an und natürlich werden Rekord-Besucherzahlen erwartet. Ein passender Zeitpunkt für mich meine eigenen paar Gedanken zu diesem Buch darzulegen.

Ich habe lediglich den ersten der drei Bände gelesen, auf Deutsch. Ich saß nach einer Operation mit Liegegips auf meiner Couch und hatte enorm viel Zeit, die ich mit Playstation-Spielen, Filmen und natürlich Lesen füllte. Um endlich mitreden zu können lieh ich mir von einer Bekannten genanntes Buch. Als ich es nach der Lektüre wieder zuklappte, war ich mir sicher, dass ich die beiden Folgebände weder zu lesen brauchte noch lesen wollte. Mein Fazit war aber keineswegs ausschließlich negativ. Und deshalb hier meine drei negativen und drei positiven Punkte zu „50 Shades of Grey“ (im Folgenden 50SOG genannt).

Zuerst das Negative:

1) Es ist nicht gut geschrieben.
Stilistisch lässt 50SOG in der Tat einiges zu wünschen übrigen. Ich bin Vielleserin, was ernsthafte Literatur genauso wie King oder Grisham und auch diverse Fanfictions einschließt. Meiner Meinung nach schafft es 50SOG gerade so tauglich für die Veröffentlichung zu sein (und auch nur, weil es tatsächlich viele Veröffentlichungen gibt, die noch schlechter sind). Der Roman liest sich im Vergleich wie leicht überdurchschnittlich geschriebene Fanfiction, also deutlich schlechter als der Großteil der Belletristik und Literatur. Es ist ein nicht sonderlich einfallsreicher, pragmatischer, klischee-beladener Stil.
Es gibt allerdings, wie erwähnt, auch viele noch schlechtere Machwerke. 50SOG liest sich schnell, flüssig und relativ unterhaltsam, wenn man unfreiwillig komische Stellen verzeihen kann. Für eine Fanfiction (denn das ist 50SOG, eine alternate universe „Twilight“-Fanfiction, in der die Namen geändert wurden) ist der Stil absolut passabel und sämtliche Baccara- und Julia-Romane, die man im Supermarkt bekommt, sind noch viel schlechter geschrieben. Insofern – schlecht geschrieben, ja. Unerträglich schlecht – keineswegs. Aber am Ende des Tages: Eben zu schlecht um auch nur irgendwie für halbwegs gut zu gelten.

2) Es ist heillos unrealistisch.
50SOG wird zurecht oft als modernes Märchen bezeichnet, denn was da so passiert, ist ziemlich unrealistisch. Mein persönlichen „Ja klar (!)“ und „Geh biiiitte!“-Momente waren relativ häufig, besonders beim späteren Durchlesen der Inhaltsangaben der Nachfolge-Bände. E.L. James feuert wirklich aus allen Rohren um ihren Lesern eine möglichst reichhaltige und spannende Welt zu präsentieren und sie schießt dabei sehr oft über das Ziel hinaus. Dabei ist Vieles gar nicht an sich unrealistisch, aber die Häufung unrealistischer Begebenheiten überspannt dann doch den Bogen. Aber gut, es ist ein Märchen und will auch nicht mehr sein.

3) Es beweist mal wieder „Women don’t want men, women want projects.” und propagiert, dass dies keineswegs unsinnig ist.
Immer und immer wieder finden sich in Filmen und Büchern solche Ausgangssituationen: Frau verliebt sich in Mann, der aus irgendeinem Grund beziehungsunfähig ist. Die Palette reicht dabei von notorisch untreu über Kindheitstrauma bis psychopathischer Superbösewicht. Das Muster ist immer das Gleiche: Durch die Liebe zu der Frau wird der Mann „geheilt“ und sie leben glücklich bis an ihr Lebensende. Die Mehrheit der Frauen steht offenbar auf dieses Szenario. Persönlich finde ich es nicht nur unrealistisch, sondern auch gefährlich es in solchen Filmen zu propagieren. Junge Mädchen bekommen eine völlig falsche Vorstellung davon, wie Beziehungen funktionieren und glauben, jeden Mann ändern zu können. Und das ist meiner Meinung nach einfach Unsinn und kann nur zu Frustration auf beiden Seiten der führen.
Christian Grey mit seiner Dominant/Submissive-Masche ist definitive ein “Projekt” und absolut nicht fähig eine normale Beziehung zu führen. Doch nicht nur sind Ana und er am Ende der Trilogie verheiratet, haben ein Kind und erwarten ein zweites, sondern bereits im ersten Band hat Christian „normalen“ Blümchensex mit Ana, etwas, das er eigentlich grundsätzlich ablehnt. Von Beginn an macht der oft so eiskalte Mr. Grey Kompromisse für Ana, die er früher nie erwägt hätte. Anas reine Existenz in seinem Leben verändert und heilt ihn bereits! Mir wird schlecht. Ich protestiere dagegen, dass diese unsinnige Idee von der Liebe als Allheil-Macht und der Möglichkeit der Frau jeden Mann zu ihren Bedingungen zu formen weiter propagiert wird.

Jetzt aber zu den positiven Aspekten:

1) Sex ist wichtig.
Und das ist gut so. In unser so übersexualisierten modernen Welt mit den über das Netz leicht zugänglichen Pornos und ständig präsenten halbnackten Werbeikonen ist Sex in den meisten Büchern, Serien und Filmen immer noch ein Randthema, das wenig thematisiert wird, oft nur aus realistischer Notwendigkeit überhaupt auftritt. Neben der angeblichen Offenheit unserer modernen Zeit regiert gerade in Amerika immer noch oft Prüderie und Lars von Trier löst einen Skandal aus, wenn er einen Film dreht, in dem mit der Darstellung von Sex zwanglos umgegangen wird. Die „Twilight“-Saga, auf der 50SOG ja letzten Endes basiert, schafft es meisterhaft das Thema so romantisiert und zurückhaltend darzustellen, dass es beinahe völlig an Relevanz verliert. Das ist im Kontext völlig verständlich, passt zur allgemeinen Stimmung der Geschichte und ich würde es nicht anders haben wollen – aber dass eine so entsexualisierte Liebesgeschichte solch durchschlagenden Erfolg hat, ist eben auch ein Symptom wie diese Gesellschaft mitunter mit dem Thema umgeht.
Ich mag Sex. Und ich finde es erfrischend und auch realistischer, wenn er in Büchern, Filmen oder Serien ohne Scham thematisiert wird. Leider ist das die Ausnahme. Sex ist ein ganz wesentlicher Bestandteil dessen, was uns als Menschen ausmacht und wenn es nach mir ginge, würden viel mehr Bücher, Filme und Serien gemacht, in denen es integral um Menschen und ihre Sexualität geht. Es ist nicht nur ein wichtiges, sondern auch spannendes Feld. Insofern applaudiere ich 50SOG, dass es Sex zu so einem zentralen Thema macht. Ich bin keineswegs vollständig einverstanden mit der Art, in der das geschieht, denn die Szenen sind teilweise krass unrealistisch, aber es ist erfrischend zu lesen, wie ein Mädchen, das bis dahin nicht mal masturbiert hat, in diese Welt eingeführt wird und sich entdeckt. Mit der Zeit wird der Sex etwas unwichtiger und die klischeehafte, öde, schnulzige Liebesgeschichte gewinnt Oberhand, aber die Saat ist gelegt und das genügt schon.
Bitte mehr Bücher mit dem Mut, sich so offen damit auseinander zu setzen!

2) Anastasia Steele ist eine starke Frau.
Wenn man nur die Outline des Buches oder gar nur die wütenden Kritikerstimmen kennt, wird man sich wohl sehr wundern über diese Aussage. So wie ich verwundert war, als ich beim Lesen feststellen musste, dass Ana anders ist, als ich das erwartet hatte. Ana mag schüchtern, linkisch und unerfahren sein, aber sie weiß, was sie will und sie ist nicht bereit sich vollständig aufzugeben für Christian Grey, auch wenn es hie und da den Eindruck macht. Aber haben wir im Rausch des Verliebtseins nicht alle schon einmal uns selbst vergessen und uns für den anderen ändern wollen?
Alles in allem stemmt sich Ana gegen so Einiges, das Christian von ihr will, gibt nie widerspruchslos nach und hinterfragt, wo es nur geht. Sie tut das mit einer Vehemenz, die oft gar nicht so recht zu dem schüchternen Mädchen zu passen scheint, wirkt dabei aber trotzdem nicht out of character. Ana ist verliebt, deshalb macht sie Kompromisse und versucht sich so zu verhalten, wie Christian es will, aber sie gibt sich selbst nicht auf. Immer wieder widersetzt sie sich bewusst seinen Anweisungen und geht weiter ihren eigenen Weg. Zwischendurch ist sie mir richtig auf die Nerven gegangen mit dem ständigen Nachfragen und Dagegen-Reden, ich wollte ihr schon sagen „Mädchen, mach doch einfach, was er will!“ --- und Gott sei Dank tut sie das nicht. Sie tut es nur zu ihren eigenen Bedingungen, aus Neugierde, aus Liebe. Aber sie heißt ganz sicher nicht zufällig „Steele“ im Nachnamen. Anastasia ist stark und alle Frauen können etwas von ihr lernen. Sie ist längst nicht das devote Dummchen, für das sie manchmal gehalten wird.

3) Befreiung der weiblichen Lust vs. Rückschritt in die Steinzeit
In den zahllosen Diskussionen über den Effekt, den 50SOG auf unsere Gesellschaft hatte, stehen sich zwei Lager gegenüber. Die einen finden es toll, dass die Sexualität und die sexuellen Fantasien der Frauen so eine starke Stimme bekommen haben mit 5SOG, denn der Erfolg zeigt, dass eine solche Stimme scheinbar lang ersehnt war. Die anderen finden es einen gewaltigen Schritt in die falsche Richtung, dass die sexuellen Fantasien moderner Frauen offenbar um Unterwerfung und (moderate) Gewalt kreisen. Ich kann dazu nur sagen, dass ich mich keinem dieser Lager zugehörig fühle, allenfalls beiden. Ich finde es einfach gut, dass diese Diskussion entbrannt ist. Ja zum Empowerment der sexuellen Frau und ebenso ja zur Diskussion, was da vielleicht „falsch“ läuft in den weiblichen Gehirnen. Gut, dass das Thema in der Öffentlichkeit steht, gut, dass darüber gesprochen wird! Danke 50SOG, dass du uns darauf aufmerksam gemacht hast!

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Kategorie: Kategorielos
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Kommentare 1

Kommentare

  1. Alt
    Benutzerbild von Doc Lazy
    Tolle Analyse!

    Danke für die Einblicke und die Erklärungen um das Buch aus einer weiblicher Neutralität heraus. Das verdeutlicht doch so manches bzw. rückt es ins rechte Licht...
    permalink
    Veröffentlicht: 16.02.2015 um 15:11 von Doc Lazy Doc Lazy ist offline
 
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