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The Fall – Tarsem, 2006

Veröffentlicht: 30.03.2009 um 12:31 von Leisure Lorence
Wer weiß, vielleicht wird Filmwissenschaftlern eines fernen Tages das Jahr 1999 als annus mirabilis gelten, da nicht nur das Actionkino durch Matrix revolutioniert wurde, sondern auch ein neues Genre geboren wurde: Der Mindfuck-Film. Sixth Sense und Fight Club bildeten den Auftakt zu einer Serie von Filmen, die aus der Tarnung von personaler Fokalisierung als Nullfokalisierung eine überraschende Schlusspointe drechseln, die den Zuschauer verwirrt, verstört und geflasht aus dem Kinosaal entlässt. Eine Variante dieses Spiels mit den Erzählperspektiven gab es seit 2005 gleich dreimal sehen: Die Differenz zwischen kindlicher Sicht und schröcklicher Realität.
Den Anfang dieses Reigens machte Terry Gilliams Tideland, dessen Protagonistin sich auf die Tristesse, die sie umgibt, einen märchenhaften Reim macht, während der Zuschauer die kindlich umgedeuteten Ereignisse als Tod, Geisteskrankheit, Drogenexzess und Mord wahrnimmt. In Guilermo del Toros bildgewaltigem Pans Labyrinth hingegen, deutet die Protagonistin den Terror, der sie im Spanien Francos umgibt, in ein Märchen um, das zwar nicht minder grausam, dafür aber sinnbehaftet ist.

Dass Tarsems The Fall erst Mitte diesen Monats in die deutschen Kinos kam, ist Teil einer sehr wechselhaften Geschichte, die das Herzensprojekt des Werbe- und Musikvideospezialisten durchlebt hat. Über Jahre sammelte Tarsem Drehplätze von märchenhafter Schönheit in insgesamt 18 Ländern. Dies sind die Schauplätze einer klassischen Heldenreise, der Suche einer bunt gewürfelten Gruppe nach dem Erzschurken Odious . Den „Rahmen“ bzw. die Extradiegese bildet im Kontrast dazu ein subtiles Kammerspiel in einem Krankhaus, in dem ein Kind und Stuntmen, die beide einen Fall getan haben, aufeinander treffen. Während in den Märchen von Tausenundeiner Nacht Scheherazade ihr Leben durch das Erzählen von Märchen verlängerte, erzählt der Stuntman Roy der kleinen Alexandria die bewusste Geschichte, um sie dazu zu bringen, ihm genug Morphium für seinen Selbstmord zu beschaffen. Seine traurige Liebesgeschichte spiegelt sich in der Heldenreise des Blue Bandit und seiner farbenfrohen und prachvoll gewandeten Gefährten, darunter Charles Darwin und sein schlauer Affe, ein Inder (der eigentlich ein Indianer sein soll, aber Alexandria kennt diese Bedeutung des Worts „Indian“ nicht) und die obligatorische wunderschöne Prinzessin, die zugleich die Verlobte des verruchten Odious ist.
Man muss sagen, dass Alexandria keine besonders anspruchsvolle Zuhörerin ist, denn das Märchen, das Roy zum Besten geht, besteht im Wesentlichen aus dem Abklappern der erwähnten exotischen Standorte, die Tarsem in ein magisches Licht taucht. Dieser surreale Look (Man vergleiche das Poster des Film mit Salvator Dalis 1935_03_Face of Mae West Which May Be Used as an Appartment) ist das eigentliche Kapital des Films. Gerade auf Bluray handelt es sich bei The Fall um einen Augenschmaus, wie man ihn nicht jeden Tag geboten bekommt. Lee Pace, den ich seit Wonderfalls und Pushing Daisies gerne mal auf der großen Leinwand sehen wollte, erweist sich als Glücksgriff, denn mit seiner tollen Erzählstimme und seine melancholischen Augen weiß er die Charakterszenen mit der ebenfalls exzellenten Catinca Untaru genauso zu meistern wie die Actionszenen als muskulöser Blue Bandit. Dass The Fall trotz dieser geballten Ladung an Schauwerten und Talent nicht der ganz große Wurf geworden ist, ist einmal mehr dem Drehbuch geschuldet. Da gerade dem Märchen die Substanz fehlt, geht dem Film auf seinen 117 Minuten streckenweise ziemlich die Luft aus. Doch gerade, wenn man akzeptiert hat, dass es sich bei The Fall um eine betörend schöne Blendgranate handelt, bringt die subtile und stille Schlusspointe, die man bei diesem so nach außen gekehrten Film im Leben nicht erwartet hätte, den versöhnlichen Ausklang. Insofern ist The Fall ein Film, den man gesehen haben sollte, vielleicht zusammen mit Pans Labyrinth und Tideland.
„The Fall“ ist seit dem 12.03.09 im Kino.

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Kategorie: Fuilm , Filme
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