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Passkontrolle, Leibesvisiten und Psychoterror: Die Pressevorführung zu Shrek 2

Veröffentlicht: 03.09.2007 um 02:52 von Flex
(Ursprünglich geschrieben am 14.01.2005 um 06:55 Uhr.)

Raubkopien sind eine ganz schlimme Sache.
Sie breiten sich wie Laubfeuer aus, unterwandern und kriminalisieren unsere teure Jugend und richten die Filmindustrie zu Grunde.
Dass die Filmindustrie jedes Jahr neue Einnahme-Rekorde meldet, darf hier nicht den Eindruck erwecken, das alles sei Humbug. Die Tatsache, dass die Zuwachszahlen bei den Raubkopien parallel zu den immer neuen Kassenrekorden verlaufen, sollte niemand auf falsche Gedanken bringen.
Raubkopien sind das Werk des Bösen, und Raubkopierer (wie es uns die Werbung lehrt) sind Schwerstverbrecher, die allesamt in Dunkelhaft gehören - mit einem schwergewichtigen Triebtäter in jeder Zelle.

Nun, das alles weiß jeder.
Und so verwundert es auch keinen berichterstattenden Filmekucker mehr, wenn ihm mit jeder Presseeinladung erst einmal ein Flugblatt mit der höflichen Bitte entgegenflattert, er möge doch bitte die Filmerei während der Vorstellung unterlassen, er verursache dem Vertrieb sonst einen Schaden in etwa vierstelliger Milliardenhöhe.
Das Spesenkonto einer jeden Redaktion ist begrenzt, also bemüht man sich widerwillig, genug Selbstkontrolle aufzubringen, um der Bitte nachzukommen.

Seit neuestem in Mode: persönliche Einladungen mit Rückantwortfax.
Bisher zauberte der Hinweis, die Einladung sei persönlich und nicht übertragbar, immer ein Lächeln auf meine Lippen. Denn abgesehen von der generellen Unsinnigkeit (ist es wirklich so wichtig, wer jetzt genau die Kritik schreibt?) stand ja sowieso kein Name auf der Einladung, daher hätte jeder Obdachlose von der Strafle anmarschieren und sich einen schönen Kinovormittag machen können.
Aber nun, Dank persönlich unterschriebenem Rückfax ist alles geritzt. Es gibt eine Gästeliste wie in den teuersten Clubs der Stadt, und bei jeder Pressevorführung, bei der man auf eben jener Gästeliste steht, fühlt man sich wie der Schah von Persien höchstpersönlich.

Stufe zwei der Gestapo.. äh, der Gästebehandlungen war das Abgeben der Handies, Mäntel und Taschen im Foyer.
Keinerlei elektronisches Gerät ist im Kinosaal erlaubt, auch wenn ich beim Abnehmen von Hörgeräten und Herzschrittmachern zumindest persönlich noch nicht Zeuge wurde.

Einen beherzten Schritt weiter ging man bei Star Wars - Episode 2.
Hier ging es dann vor dem Eingang erst einmal durch einen Metall-Detektor, und der überraschte Journalist kam sich vor wie in einer US-amerikanischen High School.
Bei der dazugehörigen Leibesvisitation, die von den meisten noch mit einem lächelnden Kopfschütteln ("der Lucas ist aber auch ein Spinner") abgetan wurde, war es dann reine Glückssache ob man der attraktiven Blondine oder dem kahlrasierten Michelin-Männchen zugeteilt wurde.
Dass inzwischen jeder groß-budgetierte Film auch samt Detektor geliefert wird, gibt der Vorstellung bereits einen gewissen Satire-Charakter.

Vor einiger Zeit durfte ich die Einladung zur Pressevorführung von Shrek 2 aus dem Briefkasten fischen, dem ich damals noch freudestrahlend entgegenblickte, wie wohl die meisten.
Die Bitte, doch die Videokameras und ans Handy angeschlossenen Notebooks zu Hause zu lassen, mit denen sonst ein jeder den Film in Echtzeit ins Internet übertragen hätte, fehlte auch hier nicht.
Auf Grund der nötigen Vorkehrungen solle man doch bitte zeitig erscheinen, um einen pünktlichen Anfang zu gewährleisten.
Anbei lag das erwartete Antwortfax, das nun übrigens - Komfort total - sogar eine Option zum ankreuzen bot, "Ich komme NICHT zu Vorführung."

Im übervollen Foyer des Kinos angekommen, stellte ich mich also erst einmal brav an die Garderoben-Schlange an. Bereits jetzt waren schon einige Kollegen mismutig ob der ungewöhnlichen Uhrzeit (14.30h), von Beschwerden war sogar die Rede.
Danach ging es in die Essensschlange, um köstliches Popcorn und gesunden Orangensaft einzufordern.
Zu guter Letzt ging es in die längste Schlange, die Eingangsschlange.
Weder mein Schlüsselbund, noch meine Uhr, noch das Kleingeld in meinem Portemonnaie lösten einen Alarm aus, was die Sinnfrage bezüglich des riesigen Metalldetektors aufwarf. Anschließend wurde ich der allseits beliebten Leibesvisitation unterzogen, bei der immerhin mein Portemonnaie entdeckt wurde.
Danach durfte ich mich noch einmal neu anstellen, da ich mich nicht standesgemäß ausgewiesen hatte und erst einmal unter Vorlegen meines Personalausweises schriftlich bestätigen muflte, wer ich denn nun bin, der hier mit Einladung und Rückfax in der Hand herumsteht.
Danach ging es wieder zum Michelin-Männchen von der internen Sicherheit, das seinen Detektor-Stock unter Vollkontakt gegen sämtliche Körperteile und -öffnungen meines Körpers drückte, um auch wirklich ganz, ganz sicher zu gehen.

Inzwischen doch ziemlich angesäuert, betrat ich nun endlich den Kinosaal, wo sich die lieben Kollegen bereits heftigst über die grotesken Maßnahmen ausliessen. Einige nahmen es mit Humor, andere - wenig überraschend die, die regelmäflig bei den Vorführungen zu sehen sind - sahen es spätestens heute nicht mehr so gelassen.
Ich ließ mich in meiner Stammecke nieder und blätterte im Pressematerial, ohne ihm wirklich echte Aufmerksamkeit zu schenken, bis ich irgendwann merkte, dass es schon 14.45h war, eine viertel Stunde nach dem angekündigten Beginn. Hätte nicht die oberschullehrerhafte Ermahnung auf der Einladung gestanden wäre es mir nicht im Traum eingefallen, einen Gedanken an diese Verspätung zu verschwenden.
Der Obrigkeit offenbar auch nicht, denn weitere fünf Minuten später kam nicht nur die zuständige Pressedame herein, sondern auch ein Anhängsel, das sich (trotz bereits aufkeimendem Stöhnen aus dem Publikum) unaufhörlich seinen Weg zum Saal-Mikrofon bahnte.

Der fröhliche junge Mann stellte sich vor und erzählte den begeisterten Zuhörern, er sei vom Vertrieb dazu auserwählt worden, hier etwas zu Shrek 2 zu erzählen, da er bei Star Search 2 gewonnen habe.
(Anzunehmen, dass er vor allem die Stimmung nach den polizeistaatlichen Eingriffen im Foyer wieder auf Vordermann bringen sollte, wäre vermutlich zu negativ gedacht.)
Der Unterschied zwischen Shrek und Star Search bestehe aber darin, dass Star Search 1 erfolgreicher gewesen sei als Star Search 2, haha, während dies bei Shrek 2, haha, nicht so sei. Er bekam dann vor unseren fassungslosen Augen einen telepathischen Input Live aus dem Äther, dass Shrek 2 just in diesem Moment bereits das gesamte Einspiel-Ergebnis von Teil 1 eingefahren habe.
Seine Aufforderung nach "APPLAUS FÜR SHREK 2!" wurde allerdings erneut eher mit Kopfschütteln beantwortet, sowie der getuschelten Frage, ob man den Film vor dem Applaus vielleicht endlich mal sehen dürfe...
Als dann während des fortgesetzten Warm-Ups vereinzelt demonstrativ mitten im Satz applaudiert wurde, geriet seine Sicherheit doch ein wenig ins Wanken. Er verließ mit einem breiten Colgate-Lächeln und den Worten, er werde nun sein Programm bestimmt nicht mehr aufführen, die Bühne, worauf er endlich ein wenig ernst gemeinten Zuspuch bekam.

Fortsetzung folgt.

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