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Raubkopien - Wie bekämpft man sie falsch?

Veröffentlicht: 05.09.2007 um 23:47 von Flex
(Ursprünglich geschrieben am 27.01.2005 um 23:12 Uhr)

Wir erleben derzeit eine Industrie in Angst und Schrecken.
Jeder weiß dass Raubkopien schon die Musikindustrie zu Grunde gerichtet haben. Nun befürchtet man natürlich, durch die flächendeckende Verbreitung von Breitband-Internet-Anschlüssen erwarte die Filmindustrie das gleiche Schicksal.

Dass die Musikindustrie genau zu dem Zeitpunkt auf Talfahrt ging, als die Preise für CDs von schätzungsweise 13 auf mehr als saftige 18 Euro angehoben wurden, lässt man im Zuge der Diskussion gerne unter den Tisch fallen.
Ähnlich sieht es natürlich mit den Preisen für Kinokarten aus, auch hier wird es sich Otto Normalverbraucher am Samstag Abend zwei mal überlegen, ob er seine Familie ins Kino ausführt, wo für einem Film mit Überlänge (die inzwischen bekanntlich selbst Kinderfilme über Zauberlehrlinge erreichen), einen Becher Cola und eine Portion Popcorn schon mal gerne über 15 Euro pro Nase anfallen.
Erschwerend kommt hinzu, dass der Kinobesuch in den großen Filmpalästen in den letzten Jahren ohnehin schon erheblich an Atmosphäre eingebüßt hat. (Über die Kommerzialisierung des Filmerlebnisses habe ich mich schon in einer anderen Kolumne ausgelassen.)
Wenn man jetzt noch davon ausgeht, dass die Sicherheitsmaßnahmen, die bei Pressevorführungen immer penetranter werden, über kurz oder lang auch dem regulären Kinobesucher aufgezwängt werden, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis das Preis/Leistungs-Verhältnis im Kino das einer Tasse Kaffee für drei Euro erreicht und die Besucherzahlen in den Kinos sinken werden.

Der eine oder andere mag jetzt einwenden, eine derartige Kontrolle der Kinobesucher könne nicht im Interesse der Verleiher sein, die den zahlenden Besuchern doch das Filmerlebnis so angenehm wie möglich machen sollten.
Dem möchte ich jedoch zwei Sachen gegenüberstellen.
Zum einen stattet Warner Bros. in England inzwischen bekanntermaßen Filmvorführer mit Nachtsichtgeräten aus, die verhindern sollen, dass jemand aus dem Publikum den Film heimlich mitfilmt.
Zum anderen werden die Belästigungen mit den Warnhinweisen - gepaart mit der berühmt-berüchtigten Kampagne "Raubkopierer sind Verbrecher" - in letzter Zeit merklich mehr.

Man könnte seitenweise darüber diskutieren, wie sinnvoll derartige Aktionen sind. Darüber, ob die weit verbreiteten "Screener" nicht eher vom Projektionsraum aus gemacht werden als aus dem Publikum. Und darüber, wie die Studios auf die hohen Milliardensummen kommen, die angeblich durch Raubkopien verursacht werden (rechnet man diese Summen zu den ohnehin schon immer weiter steigenden Einspielergebnissen dazu, kommt man auf Ergebnisse, die mit "exorbitant" noch zurückhaltend umschrieben sind). Dies alles würde hier zu weit führen.

Fakt ist, durch das zeitlich ungeschickte Zusammenspiel zwischen der Verbreitung von DSL-Anbindungen und der Preispolitik der Musikindustrie, die nun von der Filmindustrie fortgeführt wird, sind Raubkopien in bedenklichem Maße für große Teile der Internet-Gemeinde zum Alltag geworden.
Die einen besorgen ich auf diesem Wege Filme oder TV-Serien, die sie sonst nicht zu Gesicht kriegen würden (sei es auf Grund der hiesigen Vertriebs- oder der Zensurpolitik), andere um erst einmal einen Blick auf das Produkt zu werfen, bevor sie es bezahlen, und wieder andere legen sich ganze Archive an, mit hunderten von raubkopierten Filmen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, diese Filme jemals auf ehrlichem Wege zu erwerben.

Dass dieser Zustand bekämpft werden muß, ist nicht die Frage. Doch geht man es mal wieder völlig falsch an.
Nur demjenigen wird per Nachtsichtgerät nachspioniert, der für den Film bezahlt hat. Nur derjenige muß die Warnhinweise auf der DVD über sich ergehen lassen, der sie gekauft hat.
Diejenigen, die sich einen Film aus dem Internet heruntergeladen haben, bekommen von alldem nichts mit und genießen einfach nur den Film.
Im letzten Jahr haben viele der großen Raubkopien-Sites im Netz dicht gemacht, was immerhin bedeutet dass man sich auch erhebliche Mühe macht, die Kette der Raubkopien auch auf Produktionsseite zu sprengen.

Denn was die Konsumenten angeht, kann es letztlich nur eine Lösung geben: Das Angebot attraktiver zu machen.

Natürlich schrecken die oben angesprochenen Maßnahmen ab. Natürlich wird es weniger Raubkopien geben, wenn nach und nach alle Besitzer eines DVD-Brenners in den Knast gewandert sind. Doch bringen all diese Drohgebärden auch nicht mehr Geld in die Taschen von Jugendlichen und Rezessions-geplagten Familienvätern. Die logische Schlussfolgerung wird langfristig nicht lauten, Hypotheken aufzunehmen, um sich einen Kinobesuch leisten zu können.
Die logische Schlussfolgerung wird die sein, sich doch am Samstag Abend lieber mal zu Hause hinzusetzen, und sich den alten Film anzusehen, den man doch sowieso mal wieder anschauen wollte.
Oder man geht lecker Essen, in die Disco, oder was einem sonst so einfällt.

Die Industrie sollte sich langsam mal fragen, was wirklich ihr Ziel ist.

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Kommentare 1

Kommentare

  1. Alt
    Benutzerbild von Catty
    Toller Artikel. Schön geschrieben!
    permalink
    Veröffentlicht: 07.09.2007 um 16:00 von Catty Catty ist offline
 
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