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Alt 31.03.2004, 13:23
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Okay. Ihr habt es nicht anders gewollt...

Gestellte Wohltäter

Vor etwas längerer Zeit hat sich in Deutschland ein erschütterndes Ereignis zugetragen welches auf sehr deutliche Art und Weise zwei Gruppen von Menschen, die einen gezwungenermaßen, die anderen freiwillig, in den Vordergrund rückte. Opfer und Wohltäter. Um Mißverständnisse gleich von Anfang an zu vermeiden: Die Opfer sind nicht die der Wohltäter. Und das angesprochene Ereignis dürfte jedem, der Zugang zu einem der weit verbreiteten Medien hat, auch in den entlegensten und geographisch am höchsten gelegenen Winkeln Deutschlands nicht entgangen sein: die Flutkatastrophe.

Freilich eine schreckliche Sache die sich, auch wenn ich, wofür ich prinzipiell sehr dankbar bin, nicht selbst betroffen bin, auch in meiner Heimatstadt zugetragen hat. Hätte man doch vor ein paar hundert Jahren nicht in die Nähe von Flüssen gebaut um die Vorteile der Schiffahrt für Handel und Industrie zu nutzen. Aber hätte man diesen Vorteil nicht genutzt, wären viele Städte erst gar nicht entstanden. Ein Teufelskreis. Wie dem auch sei. Das Ausmaß und die Schrecklichkeit dieser Tragödie, in der uns die Natur mal wieder auf beeindruckende Art und Weise gezeigt hat, was wir sie können, soll nicht Thema dieser meiner kleinen Abhandlung sein.

Was mir vielmehr aufgefallen ist, und bisweilen zu diversen Ekelgefühlen bei der Lektüre unserer lokalen Tageszeitung geführt hat, sind diese verdammten Wohltäter. Hey! Ich gehöre bestimmt nicht zu den Leuten die behaupten die Flutkatastrophe im Osten hätte teure Abrissarbeiten erspart, schließlich zahle ich meinen Soli gerne! Auch habe ich nichts gegen Menschen die, sei es körperlich oder finanziell, den Flutopfern ihre Hilfe angeboten haben. Aber warum muss es immer wieder Leute geben, die dies in aller Öffentlichkeit tun? Wenige Tage nachdem noch massig Bilder von überschwemmten Landstrichen und Stadteilen das Auge des Betrachters erstaunt weiten ließen, prangen auch schon diverse Köpfe von den Titelseiten, die irgendeinem Bürgermeister (oder Politiker ihrer Wahl) einen überdimensionalen Scheck überreichen, und dabei so freudig in die Linse grinsen, als hätten sie erst kürzlich verdammt viel Geld in Ihre neuen Zähne investiert (was in vielen Fällen wohl auch auf die Frisur zutreffen mag). Dabei hätten sie auch dieses Geld den Flutopfern zukommen lassen können. Stillschweigend und mit dem ruhigen Gewissen eines Pfadfinders, eine gute Tat begangen zu haben. Aber nein. Überdimensionierte Schecks scheinen der letzte Schrei zu sein. Wobei „überdimensioniert“ nicht immer auf den überreichten Geldbetrag zutrifft (den man sicherlich ganz hervorragend von der Steuer absetzen kann) aber so gut wie immer auf die Ausmaße des Schecks, der immerhin so groß ist um zusammen mit zwei breit grinsenden Leuten gerade so auf eine Zeitungsfoto zu passen. Dabei ist der Vorteil eines solchen Schecks gegenüber eines handelsüblichen natürlich nicht von der Hand zu weisen: Der Betrag ist mitunter auch auf einem Zeitungsfoto noch zu erkennen, und dass ohne den gelangweilten Leser dazu zu zwingen die Bildunterschrift oder gar den Artikel selbst zu lesen.

Ich stelle mir dann immer vor dass sich in Zeiten der Not die „Überdimensionale Schecks AG“ vorfreudig die Hände reibt und schon mal die, zweifelsohne sehr großen, Druckmaschinen anwirft. Oder wo sonst sollten die Wohltäter Ihr persönliches Exemplar beziehen? Haben sie schon einmal versucht im lokalen Copyshop einen Euroscheck auf die Größe eines Kleinwagens vergrößern zu lassen ohne dabei Spott zu ernten oder das eigene Bankkonto zu überziehen? Eben. Wahrscheinlich gibt es, je nach Geldbeutel des Wohltäters, schon vorgedruckte Exemplare, die aus einem Katalog oder, im Zeitalter des Internets (im Übrigen keine internationale, terroristische Vereinigung), online bestellt werden können. Wieder verwendbare, magnetische, überdimensionale Schecks mit auswechselbaren Zahlen wären vor allem für den Wiederholungswohltäter der Hit. Sicherlich auch eine Marktlücke für den Fotografen um die Ecke, der mit dem Slogan „Lassen Sie sich heute noch mit einem überdimensionalen Scheck ablichten, ohne tatsächlich Spenden zu müssen!“ zahlreiche Kunden anlocken würde, die zumindest gerne einmal den Schein eines Wohltäters erwecken möchten.

So oder so. Egal welchen Zweck die Medienpräsenz auch für denjenigen erfüllen mag, mich widert es schlicht und ergreifend an. Schließlich hat sich ja auch keines der Flutopfer freiwillig vor zerstörtem Heim platziert um am nächsten Tag in der Bild-Zeitung auf Seite 1 zu landen um die Spendenbereitschaft von Wohltätern zu mehren. Hmm. Aber zu diesem Zweck könnte sich doch der Gläubiger in Zukunft mit einem auf Kleinwagengröße gebrachten Schuldschein und dem Schuldiger ablichten lassen, um Mitleid zu erregen. Aber das Grinsen sollten sie wohl besser lassen...
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If I ever kill you, you'll be awake, you'll be facing me, and you'll be armed.
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