Einzelnen Beitrag anzeigen
  #7 (permalink)  
Alt 10.02.2004, 16:43
Benutzerbild von tyler
tyler tyler ist offline
Planeten-Konfusionist
 
Registriert seit: Dec 2003
Ort: überall und nirgends
Beiträge: 1.343
tyler hat die Renommee-Anzeige deaktiviert
Standard

@JJ: Du hast es nicht anders gewollt, Gringo! Neinein, ich werde nett bleiben

Zunächst mal: Einen Begriff als solchen "per se als tendenziös, unterstellend und undifferenziert" zu bezeichnen OHNE eine genauere, differenzierte Erklärung zu liefern ist ... nunja ... wie soll ich jetzt sagen icon_anxi: naja, eben tendenziös und undifferenziert....

Sicher ist es ein bisschen albern, wenn man sich quasi wutschnaubend vor den Ausgang einer "Flucht der Karibik" Vorstellung stellt und den amüsiert das Kino verlassenden Besuchern den Eskapismus-Vorwurf macht.

Ganz allgemein, wer den Terminus quasi nur dafür verwendet, um bestimmte Personen oder Filme zu labeln, der tut dem armen, armen Wort nicht gerade gut

So, jetzt kommt das große ABER:

Zur Analyse unseres medialen Gesamtzustandes handelt es sich aber dennoch um einen wichtigen, IMHO geradezu unverzichtbaren Terminus. Denn die Frage ist ja: Warum gehen so viele Menschen hauptsächlich ins Kino, um dem "grauen Alltag zu entfliehen"? (Natürlich kann man das auch abgeschwächter formulieren, aber dann wird's ungriffig). Schließlich könnte man ja auch von der Prämisse ausgehen, dass nach einem Besuch eines Filmes wie beispielsweise "Kids" der Kinozuschauer den Vorführsaal verlässt, und feststellt, dass es ihm SOOO schlecht doch eigentlich gar nicht geht. Der Haken an der Sache: Es könnte auch sein, dass sich sein Gewissen regt. Vielleicht könnte er auf die Idee kommen, dass der größte Teil des allgemeinen Elends durch Gleichgültigkeit ausgelöst wird.

Die Botschaften des großen Hollywoodkinos hingegen sind eher Balsam auf die Seele des Zuschauers. Keine Angst, auch über Dein Schicksal wacht irgendwo ein Spider-Man. Die Analyse der siebzieger Jahre, das derartige Medienbilder (das gilt auch für Bücher usw.) eine gesellschaftsstabilisierende Funktion erfüllen, ist so falsch nicht. Sie erzeugt lediglich die etwas verzerrende Perspektive, dass dies von "der Gesellschaft" als abstrakter, von den Menschen losgelöster Institution, betrieben würde.

Das ist dann auch der einzige Haken, den ICH am Eskapismusbegriff sehe: Er unterstellt ebenfalls, dass
1.) Menschen Eskapismus bewusst "betreiben"
2.) Eskapistische Filme keine andere Funktion, als die des Eskapismus haben.

Nicht um falsch verstanden zu werden: bis zu einer gewissen Grenze gebe ich mir auch ab und zu ganz gerne mal Ablekung. Doch die wirklich großen Kinomomente habe ich in solchen Filmen eigentlich nie erlebt. Das waren dann doch mehr so Sachen wie "Angst essen Seele auf"

So, das wars erstmal...

tyler
__________________
Look, I can see you're really upset about this.
I honestly think you ought to sit down calmly, take a stress pill, and think things over.
Mit Zitat antworten

Diesen Beitrag teilen: