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Alt 06.10.2008, 04:09
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Marlowe Marlowe ist offline
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Standard Nachts Unterwegs (They Drive By Night, 1940)

Ein Film schlägt Kapriolen. Ein halbes Wunder, dass er rundum gut ist...

"They Drive By Night" beginnt als Sozialdrama im Trucker-Milieu. Die Fabrini-Brüder (George Raft und Humphrey Bogart) schlagen sich als selbständige Kraftfahrer durch, immer auf der Flucht vor ihren Gläubigern und auf der Jagd nach zahlungssäumigen Kunden. Bis sich für die beiden plötzlich alles verändert und der Film eine 180-Grad-Wendung zum finsteren Melodram vollführt.

Schon das ist eigenartig genug, aber Regisseur Raoul Walsh schafft es irgendwie, die beiden Hälften zusammenzuhalten. Die erste besticht durch ihren unkonventionellen Blick auf das Milieu und das Amerika von unten. Ein etwas mehr als solides Drama, das Atmosphäre atmet und den Staub der Landstraße und obendrein mit ordentlicher Action gewürzt ist.
Dass allerdings die zweite Hälfte nicht zur Seifenoper gerät, sondern den Betrachter regelrecht umpustet, ist einem Umstand zu danken, der so bestimmt nicht geplant war.

Man stelle sich vor: Man engagiert mit George Raft einen der größten männlichen Stars der Zeit (der hier unbestritten eine seiner besten Vorstellungen gibt). Als seine Freundin stellt man ihm Ann Sheridan zur Seite, damals Pin-Up-Girl Numero Uno (Spitzname: "The Oomph Girl"), die ihren Part mit Charme und Schlagfertigkeit ausfüllt. Bogart hatte damals seinen großen Durchbruch noch nicht erlebt, also konnte man ihn getrost zur Mitte des Films mehr oder weniger verschwinden lassen.
Aber dann taucht in der zweiten Hälfte plötzlich eine Newcomerin auf und stiehlt dem kompletten Star-Ensemble voll und ganz die Show: Ida Lupino, die da in einer halben Stunde scheinbar mühelos gleich drei Szenen für die Ewigkeit stemmt:
Spoiler: Anzeigen
1. Die Mordszene. Wie sie hier ohne ein Wort ihre Wandlung von der Zicke zur Mörderin darstellt, ist einfach unglaublich. Bette Davis hätte das nicht besser hingekriegt. Aber Lupino sieht besser aus dabei.
2. Die Gefängnis-Szene mit der elektrischen Tür. Großes Kino. Und nicht zuletzt natürlich
3. ihr Zusammenbruch vor Gericht. Gab damals in den Kinos stehende Ovationen. Zurecht.

Kurzum, Lupino rettet mit ihrer Darstellung die zweite Hälfte des Films nicht nur vor dem Verseifen. Sie trägt sie allein auf ihren schmalen Schultern und macht sie zu einem großen fatalistischen Drama, in dem schon viel Film Noir vorweggenommen ist.

"They Drive By Night" ist ein Film, der alles Potenzial hat, zu scheitern. Man spürt förmlich, wie der ambitionierte und atmosphärische Anfang nach der großen Wende in Hollywood-Schmalz hätte versinken können; der Streifen wäre dann eine Fußnote der Filmgeschichte geworden, wenn überhaupt. Soll man einen Glückstreffer vermuten oder einen genialen Besetzungs-Coup? Wer weiß. Denn zu einem echten Erlebnis wird der Film erst, indem ihn sich eine begnadete Nebendarstellerin unter den Nagel reißt.
Und so gibt's hier quasi zwei Filme zum Preis von einem, die beide ihren Reiz haben. Und deren eigenartiges Zusammenspiel macht das Ergebnis zu etwas ganz Besonderem.

Was mich bei diesem Film (den ich, man merkt's, wirklich liebe) immer etwas wehmütig stimmt, ist die Tatsache, dass der Motor von Lupinos Schauspiel-Karriere nach diesem Blitzstart bald ins Stottern geriet. Denn auch wenn sie dadurch zu einer Pionierin auf dem Regiestuhl werden sollte, ich persönlich hätte sie doch gerne in ein paar mehr Filmen gesehen.
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Marlowe interessiert sich einen Dreck dafür, wer Präsident ist; ich ebenso, weil ich weiß, es wird ein Politiker sein.
Raymond Chandler
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