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Alt 22.08.2010, 13:57
Benutzerbild von dae-su
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Standard Beruf: Reporter (Michelangelo Antonioni, 1975)

David Locke ist erfolgreicher Journalist, Ehemann und Dokumentarfilmer. Als er bei der Recherche zu den Wurzeln und Ursachen eines innerafrikanischen Bürgerkrieges in der Wüste strandet, steigt er im gleichen Hotel ab wie ein westlicher Geschäftsmann. Einige Tage später findet er ihn tot in dessen Zimmer. Er nimmt die Identität des ähnlich aussehenden Mannes an und unternimmt den Versuch, das Leben eines anderen zu Leben - doch es wird ein Leben auf der Flucht.

Antonioni liebt das langsame Kino der Andeutungen und Auslassungen - und so inzeniert er auch in THE PASSENGER einen für das Genre mehr als unytpischen Film, in dem das Nicht-Ausgesprochene, das Nicht-Gezeigte und das Nicht-Gehörte für die eigentliche Spannung sorgen.
Dass Locke sich nach dem Wechsel der Identität als zwielichtiger Waffenschieber verdient machen muss, fordert einen spannungsreichen und schnellen Verfolgungs-Thriller geradezu heraus. Doch Antonioni bricht mit jeder Sehgewohnheit und thematisiert etwas völlig anderes: Er zeichnet, mit Jack Nicholson fulminant besetzt, das Psychogramm eines Mannes, der nicht nur auf der Flucht vor seinen "neuen" Feinden ist, sondern in erster Linie vor sicht selbst. Die Flucht aus seinem alten Leben scheint er ohne Skrupel und Verlustängste durchziehen zu können - doch im Laufe seiner Reise wird mehr und mehr klar, dass der Austausch eines Personalausweises noch lange keine neue Identität schafft. Die Menschen, die er auf seiner Flucht ins Ungewisse trifft, die seinen Weg kreuzen oder ihn dabei begleiten, stellen für den Mann ohne (oder gerade mit zuviel?) Vergangenheit Hindernisse und Verlockungen dar. Er schafft es nicht, sein altes Leben aus seinen Handlungen zu verbannen und genausowenig, sein neues richtig anzupacken. Und so landet er in einer nicht greifbaren Zwischenstation der Schwerelosigkeit, in einem ambivalenten Zustand der Uneindeutigkeit.

Und genau DIE ist es, die Antonioni auf großartige Weise zu bebildern weiß. Lange, scheinbar willkürliche Kamerfahrten fahren ins Leere, verharren auf scheinbar nebensächlichen Gegenständen, bleiben distanziert und neutral. Wirkliche Nähe zu seinem Protagonisten baut er nicht auf, weder in Narration und Dramaturgie, noch in Ästhetik und Gestaltung. Ebenso karg gestaltet sich auch der Ton: Das Pfeifen von Wind in der Wüste, das Rattern eines Deckenventilators sind seltene akustische Spitzen einer ansonsten leisen und wortlosen Inszenierung. Und doch muss man ganz genau hinhören, passieren im von der Kamera nicht eingesehen Bildbereich doch Dinge, die für das Verständnis elementar sind.
Wirkliche Spannung kommt nicht auf - Antonionis Dramatgurgie ist dafür zu langsam, zu vorsichtig. Und doch ist es fesselnd, Nicholson bei seiner Reise zuzusehen. Trotz der Distanz zu seinen Figuren kommt eine gewisse Vertrautheit auf. Es ist wohl gerade das Zusehen beim Verstreichen von Zeit, das den Zuschauer in einen seltsam meditativen Zustand versetzt und schließlich doch für eine emotionale Verbindung zu seinem Protagonisten sorgt.

THE PASSENGER ist ein Film, auf den man sich einlassen muss. Man muss schon in der richtigen Stimmung sein, um dem sperrigen, unnahbaren Treiben über zwei Stunden mit Aufmerksamkeit zu folgen. Spätestens bei der siebenminüten Einstellung zum Ende des Films jedoch sollte so viel Faszination für Antonionis Werk entstanden sein, dass sich ein zufriedener Geamteindruck einstellt. Und der wächst mit der Zeit.
__________________
Eine Passantin, die mitten im Regen den Schirm zusammenklappte, und sich naß werden ließ... Ein Schüler, der seinem Lehrer beschrieb, wie ein Farn aus der Erde wächst, und der staunende Lehrer...
-- Damiel in "Der Himmel über Berlin"
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Alt 26.08.2010, 17:39
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Irgendwas mit Raumschiffen
 
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S.W.A.M. kann stolz auf sich seinS.W.A.M. kann stolz auf sich seinS.W.A.M. kann stolz auf sich seinS.W.A.M. kann stolz auf sich seinS.W.A.M. kann stolz auf sich seinS.W.A.M. kann stolz auf sich seinS.W.A.M. kann stolz auf sich seinS.W.A.M. kann stolz auf sich seinS.W.A.M. kann stolz auf sich seinS.W.A.M. kann stolz auf sich seinS.W.A.M. kann stolz auf sich sein
Standard AW: Beruf: Reporter (Michelangelo Antonioni, 1975)

Zitat:
Zitat von dae-su Beitrag anzeigen
THE PASSENGER ist ein Film, auf den man sich einlassen muss.
Hab ich nicht geschafft.

Den hab ich relativ fix wieder ausgemacht. Wenn ein Film mir nach zwanzig Minuten immer noch nicht klar machen konnte, worum es gehen soll, dann taugt er IMO auch nix. Ich hab nichts gegen langsames Erzählen, aber bei so gewissen Filmkunstgrößen wie halt Antonioni zum Beispiel wird's mir dann doch zu blöd.

Dennoch (und obwohl ich anderer Meinung bin): schöne Kritik!
__________________
Soylent Green is people!
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